Forschungslücke finden: So gelingt es in einem überfüllten Forschungsfeld

Viele Promovierende und Postdocs kennen das ungute Gefühl: Alles scheint schon erforscht, jeder Ansatz schon behandelt. Eine Forschungslücke zu finden, erscheint fast unmöglich, und oft zweifeln Forschende, ob ihr Projekt originell genug ist.

Doch dichte, reife Forschungsfelder sind keine abgeschlossenen Systeme. Sie sind aktive Diskussionen, die immer Platz für neue Perspektiven, Kombinationen und Präzisierungen lassen.

In diesem Artikel lernst du, wie du eine Forschungslücke findest, selbst wenn dein Feld bereits sehr dicht besetzt ist, und wie du daraus eine sinnvolle Forschungsnische ableitest.

Die Angst, nichts Neues zu sagen, ist verbreitet – und irreführend

Viele Forschende denken, eine Forschungslücke müsse ein völlig neues Phänomen sein, das noch niemand untersucht hat. Dieses Missverständnis blockiert oft den Fortschritt.

Forschungslücken sehen selten nach unberührtem Terrain aus. Häufiger handelt es sich um:

  • zwei Ideen, die noch nie verbunden wurden
  • eine Methode, die noch nicht dort angewendet wurde, wo sie hilfreich wäre
  • eine Annahme, die noch nicht hinterfragt wurde
  • ein Muster, das in mehreren Studien sichtbar ist, aber nicht zusammengeführt wurde

Wenn alles bereits geschrieben scheint, zeigt das nicht fehlendes Potenzial – es zeigt ein aktives, strukturell reiches Forschungsfeld.

Warum dichte Felder mehr Forschungslücken enthalten, als du denkst

Überfüllte Felder lassen Nachwuchsforschende oft an ihrer Originalität zweifeln. Gleichzeitig bieten sie mehr Chancen, nicht weniger:

Erstens sind die Debatten bereits gut kartiert. Zweitens schafft die Fülle an Literatur unzählige Schnittpunkte, die Forschende noch nicht erforscht haben.

Dein Ziel ist nicht, eine unberührte Frage zu finden. Dein Ziel ist, zu erkennen, wo das Feld noch keine Brücke zwischen bestehenden Ideen gebaut hat. Dort entsteht oft eine bedeutende Forschungslücke.

  • Key Insight
    Während du die Literatur durchgehst, notiere explizit Ideen, die häufig vorkommen, aber selten zusammen auftauchen. Dieser Schritt zeigt oft Lücken durch fehlende Verbindungen, nicht durch fehlende Themen.

Synthese als Weg, eine Forschungslücke zu erkennen

Viele Forschende unterschätzen, wie viel Originalität aus Synthese entsteht. Bei einem Literatur-Review wiederholst du nicht nur Bestehendes, du:

  • integrierst Literaturstränge, die normalerweise getrennt sind
  • zeigst Inkonsistenzen oder blinde Flecken auf
  • überträgst Konzepte in neue Kontexte
  • hebst methodische Einschränkungen hervor
  • kombinierst etablierte Ideen auf neue Weise

Diese Formen der Synthese sind weithin akzeptierte Originalitätsformen. Viele einflussreiche Publikationen sind Beispiele für Forschungslücken, die durch sorgfältige Integration bestehender Erkenntnisse entstehen.

Dichte Felder unterstützen die Synthese, weil sie reiches Material bieten.

Diagram showing the cycle of research gap identification: integrate literature, show inconsistencies, translate concepts, highlight limitations, and combine ideas to find new insights.

Nische definieren, um deinen Beitrag sichtbar zu machen

Um deine Forschungslücke zu artikulieren, musst du deine Forschungsnische definieren: den Blickwinkel, durch den dein Beitrag sichtbar wird.

Eine starke Nische ist:

  • fokussiert, damit dein Beitrag identifizierbar ist
  • verbunden, damit deine Arbeit relevant ist
  • unterscheidbar, damit Gutachter erkennen, was neu ist

Du kannst eine Nische schärfen durch:

  • theoretischen Fokus
  • methodischen Ansatz
  • Kontext oder Population
  • konzeptionelle Verfeinerung
  • spezifische analytische Perspektive

Durch das Schärfen eines oder zweier Elemente wird deine zugrunde liegende Forschungslücke viel leichter zu artikulieren.

  • Unser Tipp:
    Frage dich: „Was leistet mein Projekt, das bestehende Studien nicht gleichzeitig erreichen?“ So erkennst du Lücken durch fehlende Kombinationen, nicht fehlende Themen.

Wie eine Forschungslücke wirklich aussieht

Die meisten Forschungslücken sind nicht radikal. Sie sind subtil, analytisch und völlig gültig. Typische Beispiele:

  • zwei Frameworks, die noch nicht vertieft verglichen wurden
  • ein wiederkehrendes Konzept, das inkonsistent angewendet wurde
  • eine Methode, geeignet für ein Problem, aber noch nicht in diesem Kontext geprüft
  • ein Muster, sichtbar, aber nicht synthetisiert
  • eine verbreitete Annahme, die noch nicht kritisch bewertet wurde

Es geht nicht darum, ein neues Phänomen zu entdecken. Es geht um Klarheit.

Wie du deine Forschungslücke findest: Ein praktischer Prozess

  1. Feld abgrenzen, dann eingrenzen
    zentrale Debatten identifizieren, bewusst den Scope begrenzen
  2. Ränder jeder Debatte nachzeichnen
    Spannungen, fehlende Verbindungen oder teilweise Überschneidungen erkennen
  3. Noch nicht zusammengeführte Elemente identifizieren
    fehlende Kombinationen bilden oft die Grundlage deiner Nische
  4. Beitrag früh formulieren
    kurzen Absatz schreiben, was neu ist, im Verlauf verfeinern
  5. Relevanz sichtbar halten
    Forschungslücke ist nur wichtig, wenn sie klar mit dem breiteren Feld verbunden ist

Fazit: Ein überfülltes Feld hat trotzdem Raum für dich

Wenn dein Feld überwältigend wirkt, bedeutet das nicht, dass deine Arbeit keine Originalität hat. Es bedeutet, dass du in eine strukturierte, laufende Diskussion eintrittst. Mit bewusstem Vorgehen kannst du eine Forschungslücke finden, die glaubwürdig, sinnvoll und klar positioniert ist.

Dein Ziel ist nicht, ein dichtes Feld zu vermeiden. Dein Ziel ist, die Dichte zu nutzen, um deinen Beitrag zu verdeutlichen.

Eine Forschungslücke muss nicht dramatisch sein. Sie muss klar, gut begründet und fundiert sein. Dichte Felder enthalten unzählige solcher Lücken – sobald du weißt, wo und wie du suchen musst.

Viel Erfolg!

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